Das Schlachtschiff "Tirpitz" beeinflusste die Planungen und Aktionen der Kriegsführung zwischen 1941 und 1944 in signifikantem Maße, ohne jemals auf feindliche Seestreitkräfte getroffen zu sein. Die aufwendige Jagd und schlussendliche Vernichtung des Schwesterschiffes "Bismarck" im Mai 1941, die nur durch sehr günstige und unwahrscheinliche Ereignisse ermöglicht wurde, flößte den Briten derartigen Respekt ein, dass in den Folgejahren ein Großteil der britischen Schlachtflotte samt notwendigen Sicherungskräften als Gegengewicht in den Heimatgewässern zurückgehalten werden musste, obwohl die fraglichen Großkampfschiffe im Mittelmeerraum und – ab Dezember 1941 – noch mehr im Pazifik dringend benötigt worden wären. Bis zum November 1944 versuchten die Briten in zahlreichen Aktionen, das deutsche Schlachtschiff auszuschalten. Erst mit dem Einsatz neuentwickelter überschwerer Bomben ("Tallboy") gelang am 12.11.1944 schließlich die Vernichtung des Schiffes. Bezeichnenderweise waren die eingesetzten Bomben mit einem Gewicht von 5,4 t die mit Abstand schwersten Projektile, die im Zweiten Weltkrieg gegen ein Kriegsschiff eingesetzt wurden. Das vorliegende Produkt des bekannten Herstellers "Tamiya" ist seit Mitte der 1970-er Jahre auf dem Markt. Der Blick in die Schachtel zeigt einen einteiligen Rumpf sowie – angesichts des relativ großen Maßstabes – nicht übermäßig viele Spritzlinge, die die weiteren Teile aufnehmen. Die Gussqualität ist sehr hoch; Auswurfmarken oder Vertiefungen waren bei meinem Bausatz praktisch nicht zu finden (und wenn, dann an nichtsichtbaren Stellen). Der Kunststoff ist gut, von hoher Robustheit und Oberflächenqualität bei zugleich scharfen Kanten. Passgenauigkeit und Bauteilkonzeption sind sehr gut. Die Trockenpassung zeigte ein weitgehendes Ineinander-Fallen der Teile. Für die Teilung des Decks wurden günstige Positionen gewählt. Durch die hohe Passgenauigkeit der Teile können die Nahten auch ohne den Einsatz von Spachtelmasse sehr gut kaschiert werden. Die Anordnung der Bauteile an den Spritzlingen könnte man zwar bei sehr strenger Auslegung als verbesserungsfähig bezeichnen, aber durch die geringe Zahl der Teile ist kein langes Suchen notwendig. Die Detaillierung entspricht verständlicherweise nicht dem heute möglichen Niveau. Hier unterliegt die "Tirpitz" von Tamiya neueren Entwürfen im gleichen Maßstab deutlich und schneidet gegenüber dem Konkurrenzprodukt von Revell ungünstig ab. Abgesehen von Brückenkomplex und Turmmast fehlen Details wie Türen, Bullaugen und Leitungen praktisch vollständig, wodurch die Seitenflächen, vor allem des hinteren Aufbautenblocks, etwas kahl aussehen. Waffen, Krane und Beiboote sind insgesamt gut: Saubere, präzise Prägung mit immer ausreichender Formtreue. Die Antennen der Funkmessgeräte sind massiv abgeformt. Die große Stärke des Bausatzes ist seine Formtreue. Seiten- und Aufriss wirken beinahe perfekt getroffen. Vor allem der Turmmast ist sehr schön anzusehen und mit der in meinen Augen architektonisch äußerst gelungenen Admiralsbrücke der Blickfang des Modells. Hier ist der Tamiya-Entwurf der Neuentwicklung von Revell haushoch überlegen, dessen Fehler in dieser Hinsicht (falsche Abmessungen und Proportionen der Fenster, falsche Krümmung der Brückenfront) aufwendig behoben werden müssten, soll Vorbildtreue erzielt werden. Auch die eben angesprochene Vorbildtreue ist hoch. Angesichts der vorgesehenen Darstellung des Zustandes von 1943 ist die Darstellung der an den Nocken der Admiralsbrücke installierten Flak-Feuerleitgeräte der einzige wirkliche Fehler. Die offenen Basisgeräte wurden bereits 1941 gegen andere Modelle in geschlossenen Kuppeln ausgewechselt. Zudem erhielten die bis dahin frei abstehenden Nocken Unterbauten, um das gestiegene Gewicht der Leitgeräte aufnehmen zu können. Zumindest die Frontsilhouette des Turmmastes änderte sich dadurch merklich. Ein weiteres, jedoch sehr viel kleineres Manko ist das Fehlen der Beplankung auf den Decks des achteren Aufbautenkomplexes. Beide Fehler sind mit ein wenig Scratch-Bau bzw. dem Aufbringen eines die Holzmaserung darstellenden Anstrichs zu beheben. Als kleiner Wehmutstropfen könnte des Fehlen einer Option, spätere Ausrüstungsgegenstände als den Vorgesehenen darzustellen, gewertet werden. Abgesehen von den 1941 erfolgten Modifikationen am Turmmast erfuhr das Schiff bis zu seiner Versenkung keine weiteren schiffbaulichen Veränderungen. Lediglich die Leichte Flak sowie die Feuerleitmittel wurden verstärkt bzw. verbessert. Um beispielsweise den Zustand zum Zeitpunkt der Versenkung darzustellen, wären lediglich weitere 2-cm-Vierlinge sowie ein um das Würzburg-Funkmessgerät erweiteter Wackeltopf notwendig gewesen. Zuletzt befanden sich 78 2-cm-Flak in 18 Vierlingen und sechs Einzelwaffen an Bord. Sowohl die Teilekonzeption als auch deren Ausformung im Einzelnen ermöglichen ausbaufreudigen Kollegen die vergleichsweise sehr leichte Nachrüstung mit Zurüstteilen, die es inzwischen von zahlreichen Anbietern und in hoher Qualität gibt. Die Detaillierung lässt sich enorm erhöhen und sollte – mit sorgfältiger Lackierung und Takelung – die Schaffung eines museumswürdigen Modells ermöglichen. Zur Frage der Wahl zwischen Tamiya und Revell: Modellbauer, denen es auf viele Details ankommt, die nicht nachrüsten wollen und sich mit einigen deutlich ins Auge fallenden Formfehlern abfinden können, würde ich den Revell-Entwurf empfehlen. Jenen, denen die Formtreue wichtig ist und dabei eine nicht mehr ganz zeitgemäße Detaillierung akzeptieren oder eben mit zusätzlichen Kosten und Arbeitsaufwand aufrüsten wollen, würde ich Tamiya ans Herz legen. Und nur Tamiya. Die Kopie von Academy ist zwar billiger, aber eben ... billig hinsichtlich Materialqualität, Guss und Passgenauigkeit. Für eine detailtechnisch veraltete, jedoch hochwertige, gut konzipierte und sehr ausbaufähige Vorlage: 4 Sterne.